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Rattenfalle

Rattenfalle

Kriminalroman aus Wien, broschiert, 239 Seiten, Prolibris Verlag 11/2007.

Der erfolgreiche Brauereiunternehmer Jonas Ippstein ist entführt worden. Während die Kriminalbeamtin Dr. Simone Reichenbach ihre Flitterwochen in Nassau verbringt, übernimmt Bezirksinspektor Doppler die Leitung der Ermittlungen und schlittert umgehend von einem Desaster ins andere.
Auch in seinem Privatleben geht es drunter und drüber. Seine Beziehung zu der Gerichtsmedizinerin Lotte Bal kommt nicht so recht ins Laufen, dafür hat es ihm neuerdings Ippsteins Tochter Lisa angetan.
Als Daniel Reichenbach nach seiner Entlassung aus der psychiatrischen Klinik zufällig auf Ippsteins Leiche stößt und umgehend zum Hauptverdächtigen wird, ist das Chaos perfekt.
Kann die zurückbeorderte Simone Licht ins Dunkel bringen oder gelingt es gar ihrem neuen Mitarbeiter Mag. Kleist die mysteriösen Vorgänge aufzuklären?
Nur Herrn Wosczynski hat mit alldem nichts zu tun. Er nimmt an einem Manöver der "Treuen Heimatfront" teil.

Textprobe

Mit Bezirksinspektor Doppler meinte es die Vorsehung weitaus besser. Einen Stock höher fand er sich in jener Rolle wieder, die ihm seiner Ansicht nach auf den Leib geschrieben war. In der Rolle des starken Beschützers, des Superhelden, der einer hilflosen, verzweifelten Frau in Zeiten der Not mit Rat und Tat zur Seite stand. Dass es sich um eine Frau handelte, die er begehrte, machte die Sache umso erfreulicher. Es überraschte ihn selbst, wie leicht es ihm plötzlich fiel, Mitgefühl zu zeigen. Er, der hartgesottene Kerl, den sonst nichts zu rühren vermochte.
Immer wieder zogen Lisas große, verweinte Rehaugen seine Aufmerksamkeit auf sich. Gerne hätte er sie in seine starken Arme genommen und getröstet, doch die Integrität eines amtshandelnden Polizisten verbot ihm jegliche Vertraulichkeit. Fürs Erste jedenfalls ... Seine Profilierung als Referatsleiter ging vor. Sie auf ihren Annäherungsversuch im Fun-t-Asia anzusprechen hatte Zeit. Später, wenn er den Fall einmal abgeschlossen hatte, würde er gerne für ihre Dankesbekundungen zur Verfügung stehen.
"Wir wollten uns gestern treffen", erzählte sie, während sie die Teekanne abstellte und sich aufs Sofa fallen ließ. "Um ein Haus anzusehen. Ich plane nämlich, hier auszuziehen, wissen Sie ... Und dann ist er nicht gekommen. Ich konnte ja nicht ahnen ... Ich dachte, er wäre aus beruflichen Gründen aufgehalten worden oder so. Hätte ich nur nachgefragt!"
"Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen, Frau Ippstein", brummte Doppler und schritt bedächtig vor ihr auf und ab, wobei er sich immer wieder hinter dem Ohr kratzte. Eine ausgezeichnete Möglichkeit, logisches Denkvermögen, gepaart mit kompromissloser Durchschlagskraft zu demonstrieren. Eine Mischung aus Peter Falk und Bruce Willis. Und die standen am Ende immer als Sieger da. "Ihr Vater wird bald frei sein. Neun von zehn Entführungen enden glimpflich. Wir kriegen die Schweine, das garantiere ich Ihnen!"
Lisa schniefte und wischte sich die Tränen aus den Augen. "Wie wollen Sie das anstellen? Wir wissen ja nicht einmal, wer dahintersteckt."
"Noch nicht, aber glauben Sie mir, früher oder später macht jeder Täter einen Fehler und dann ... Zack!" Seine Hände klatschten zusammen, wie eine Bärenfalle. "Außerdem war er dumm genug, uns einen Hinweis zu geben."
"Hinweis?" Sie sah ihn fragend an.
Mit einem siegessicheren Lächeln schob er ihr den Erpresserbrief zu, der mittlerweile in einer Plastikfolie steckte. Seinem geübten Auge entging selbst der winzigste Anhaltspunkt nicht. "Da, sehen Sie", sagte er und deutete auf das Schreiben. "Mit freundlichen Grüßen, etc. Der Kerl dürfte sich ziemlich sicher fühlen, wenn er mit seinen Initialen unterschreibt."
"Aber ..."
Doppler ließ sie nicht zu Wort kommen. "Edgar Theodor Cech, könnte das zum Beispiel heißen oder Engelbert Trinker-Comix. Wir müssen nur das Telefonbuch zur Hand nehmen und nachsehen, ob es die gibt." Und schon kam ihm der nächste geniale Einfall. "Natürlich wäre es auch denkbar, dass er sich um eine kriminelle Organisation handelt. Hm, was halten Sie von Extreme Terroristische Chaoten? Ein Blick in unseren Computer und wir wissen mehr. Sie verstehen, was ich meine. Oder es bedeutet ..."
"Et cetera?", schlug Lisa vor.
Doppler räusperte sich. "Tja, das könnte durchaus der Fall sein."
"Das heißt, wir befinden uns im Stadium nebuloser Mutmaßungen", brachte sie den Stand der bisherigen Ermittlungen auf den Punkt.
"Gut Ding braucht eben Weile, Frau Ippstein. Sobald unsere Spezialisten den Brief untersucht haben, wissen wir mehr. Fingerabdrücke, Staubpartikelchen, Haare, Hautschuppen als Basis für DNA-Analysen ... Uns bleibt nichts verborgen! Die finden sogar heraus, aus welchen Zeitschriften die Buchstaben ausgeschnitten wurden, und dann können wir ein detailliertes Täterprofil erstellen."
"Ich bitte Sie! Was soll das denn bringen? Und wie lange das dauern wird! Und was passiert in der Zwischenzeit mit meinem Papa?"
Der Bezirksinspektor wandte sich zähneknirschend ab. Lisa war ein harter Brocken. Ihre negative Einstellung kratzte an seinem Selbstbewusstsein. Er konnte es nicht leiden, wenn man ihm mit Skepsis begegnete. Misstrauen war eine schlechte Basis für effektive Zusammenarbeit.
"Wir sind keine Dummköpfe, Frau Ippstein! ", erklärte er gereizt. "Jeder halbwegs vernünftige Mensch kann von den Lesegewohnheiten einer Person auf deren Charakter schließen. Nehmen wir ein Beispiel ... Ähm, Frauenzeitschriften werden von Frauen gelesen, Erotikmagazine von Männern. Stimmen Sie mir zu? Und schon schränken wir den Kreis der Verdächtigen auf die Hälfte ein! Weiters: Frauenzeitschriften bedeuten niedriges Bildungsniveau, Naivität, Realitätsverlust. Erotikmagazine wiederum Aufgeschlossenheit und einen höheren Bildungsgrad", dozierte er.
"Das erscheint mir doch ein wenig zu vage", warf Lisa ein.
"Der Laie mag so manches nicht verstehen. Daran können Sie erkennen, wie kompliziert unsere Arbeit ist. Für Idioten gibt es bei der Kriminalpolizei keinen Platz!" Demonstrativ zog er einen Block hervor und machte sich Notizen. Lisa sollte ruhig sehen, wie flüssig er schreiben konnte.
So leicht war sie allerdings nicht zu überzeugen. "Aber wenn Sie Ihre Spezialisten einschalten, wie kann ich mich darauf verlassen, dass die Angelegenheit vertraulich behandelt wird?"
"Wir sind Profis, Frau Ippstein! Die Sache bleibt unter uns. Kleist, meinen Mitarbeiter habe ich natürlich eingeweiht. Auch der Erkennungsdienst wird sich zwangsläufig damit beschäftigen müssen ... Ach ja, und ich werde einen Techniker vorbeischicken, der Ihr Telefon anzapft. Jedes Gespräch, das von diesem Anschluss aus geführt wird, kann dann ..." Doppler fuhr herum. Ein plötzliches Rascheln hinter seinem Rücken hatte ihn in Alarmzustand versetzt. "Da, eine Ratte!", brüllte er und riss seine Glock aus dem Halfter.
"Nein, nicht schießen!", kreischte Lisa. "Das ist Jochen!"
"Wer?" Dopplers Atem ging stoßweise. "Jochen?"
"Ja. Er tut Ihnen nichts, er gehört zu mir."
Argwöhnisch fixierte er das Tier, das neben einem kleinen Ziertischchen Männchen machte und ein Stück Tapete von der Wand fraß. "Die läuft hier einfach so frei herum?"
"Jochen hat Gewichtsprobleme", klärte sie ihn auf. "Er braucht Bewegung, meint der Arzt."
"Wenn das so ist ..." Schaudernd wandte er sich ab. Sie hat eine Ratte, dachte er. Doppler mochte keine Ratten. Wenn Lisa es auch weiterhin auf eine Beziehung mit ihm anlegte, müsste sie irgendwann eine Entscheidung treffen. Entweder er oder das Ungeziefer. Für sie beide war kein Platz.

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